1. Systemische Haltung
Die systemische Haltung bildet das Fundament für professionelles Arbeiten im Recruiting. Sie geht davon aus, dass
Menschen sinnvoll innerhalb ihres Kontextes handeln und dass Verhalten immer in Beziehungen eingebettet ist.
- Probleme sind Muster, keine Eigenschaften von Personen.
- Jede Person verfügt über Ressourcen.
- Es gibt immer mehrere Perspektiven.
- Veränderung beginnt mit kleinen, konkreten Schritten.
2. Systemische Prinzipien im Recruiting
- Mehrperspektivität: Schule, Eltern, Bewerber*in, Team – alle Sichtweisen zählen.
- Hypothesenbildung: Wir arbeiten mit vorläufigen Annahmen, die wir bewusst prüfen.
- Kontextsensibilität: Verhalten wird im jeweiligen Umfeld verstanden, nicht isoliert.
- Ressourcenorientierung: Fokus auf Stärken, Fähigkeiten und Erfahrungen statt Defiziten.
- Lösungsorientierung: Wir richten den Blick auf nächste, machbare Schritte.
3. Systemische Gesprächsführung
Zirkuläre Fragen
- „Was würde Ihre letzte Lehrkraft über Sie sagen?“
- „Wie würde Ihre beste Freundin Ihre Arbeitsweise beschreiben?“
Skalierungsfragen
- „Auf einer Skala von 1–10: Wie sicher fühlen Sie sich im Umgang mit Kindern?“
- „Was bräuchte es, um einen Punkt höher zu kommen?“
Ressourcenfragen
- „Wann ist Ihnen etwas Ähnliches schon gut gelungen?“
- „Wer könnte Sie unterstützen?“
Lösungsorientierte Fragen
- „Was wäre ein erster kleiner Schritt?“
4. Systemische Reflexion für Recruiter*innen
- Welche Hypothese habe ich gerade über diese Person?
- Welche Perspektive fehlt mir?
- Welche Ressourcen sehe ich noch nicht?
- Welche Muster erkenne ich im System Schule–Familie–Bewerber*in?
5. Kurze Fallbeispiele
Fall 1: Bewerberin wirkt unsicher
Statt die Unsicherheit als „Schwäche“ zu bewerten, wird sie als Hinweis auf Kontext verstanden. Systemische Fragen:
- „In welchen Situationen fühlen Sie sich sicherer?“
- „Was hilft Ihnen, gut anzukommen?“
Fall 2: Bewerber spricht wenig Deutsch
Sprache ist ein Teil des Systems, nicht die ganze Person. Systemische Fragen:
- „In welchen Situationen gelingt Kommunikation gut?“
- „Welche Sprachen sprechen Sie noch?“
- „Wie haben Sie bisher Herausforderungen gelöst?“
6. Aufgaben für die Praxis
- Hypothesen prüfen: Formuliere drei Hypothesen zu einer Bewerber*in und prüfe sie mit Fragen.
- Ressourcenliste: Liste fünf Ressourcen einer Person auf, die nicht im Lebenslauf stehen.
- Perspektivwechsel: Beschreibe eine Bewerber*in aus Sicht der Schule, der Eltern, des Teams und der Person selbst.
7. Mini‑Glossar
- Kontext: Umfeld, in dem Verhalten entsteht.
- Hypothese: vorläufige Annahme, die überprüft wird.
- Ressource: Fähigkeit, Stärke oder Erfahrung.
- Zirkuläre Frage: Frage, die Beziehungen sichtbar macht.
- Skalierung: Einschätzung auf einer Skala, um Entwicklung sichtbar zu machen.
8. Basisquellen
- von Schlippe & Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie.
- Steve de Shazer: Lösungsorientierte Kurzzeittherapie.
- Virginia Satir: Kommunikation und Wachstum.
- Gunther Schmidt: Hypnosystemisches Arbeiten.